Floh und Kirstins Bautagebuch

 

direkt zu   < 2010 >   < 2011 >   < Grundrisse >

Einleitung

Alles fing an als uns im Frühjahr 2010 klar wurde, daß Kirstin und ihre Mutter Hanne aus ihrem Haus raus mußten. Dort wohnten die beiden seit Kirstins Scheidung und versuchten gemeinsam eine utopisch hohe Miete zu stemmen, die die finanziellen Verhältnisse der beiden auf Dauer völlig überforderten. Also suchten wir nach zwei bezahlbaren Mietswohnungen für die beiden - ohne Erfolg.

Monat um Monat verstrich und nichts passendes war auf dem Markt zu finden. Keine günstige kleine Einzimmerwohnung für Kirstin, keine gemütliche schöne Zweizimmerwohnung für Hanne. Klar, Kirstin hätte jederzeit zu mir ziehen können, aber dann wäre selbst meine halbwegs geräumige Dachgeschosswohnung recht überladen geworden. Und gemeinsam zusammen in eine neue Wohnung, naja, nach nicht mal einem Jahr Beziehung etwas früh. Also eine kleine Alibiwohnung für Kirstin, so für alle Fälle, tatsächlich natürlich würden wir hauptsächlich bei mir wohnen. So war der Plan.

Und dann sahen wir ein Inserat der Sparkasse: "1 Zimmer, 27 qm, Ottendorf-Okrilla, 2. OG, Bad mit Badewanne, Einbauküche, Keller, PKW-Stellplatz." Perfekt! Genau das was wir suchten! "Zu verkaufen." Kaufen? Wir wollen mieten!

So klar und eindeutig wir immer gedacht haben, so gründlich wurde dieser Gedanke "Mietwohnung gesucht" über den Haufen geworfen als wir den Kaufpreis sahen: 9.500 Euro. Der Gegenwert von einem Kleinwagen. Ein guter Gebrauchter. Zweimal schön Urlaub machen. Was man eigentlich als finanzielle Reserven da hat, so für alle Fälle. Was man auch bar hinknallen kann, wenns sein muß. Kaufen?

Der Besichtigungstermin war schnell gemacht, die Wohnung in überraschend gutem Zustand. Zwar ein DDR-Neubau, aber komplett saniert, in günstiger Lage, die Küche brauchbar, das Bad hinnehmbar, Flur und Wohnraum mit wenig Aufwand schön zu gestalten. Keine Miete mehr zahlen, kein Druck mehr zeitgleich zwei Wohnungen finden zu müssen (für Kirstin und Hanne), mit dieser Wohnung könnten wir uns ganz in Ruhe auf die Suche nach einer schöne Mietwohnung für Hanne konzentrieren.

Ich wäre Vermieter, ein tolles Gefühl. Kirstin meine Mieterin, die Miete könnten wir so hoch machen wie auch immer sie sich an einer gemeinsamen Haushaltskasse beteiligen möchte, sie wäre ja eh hauptsächlich bei mir, daher der Zustand der Wohnung nicht so wichtig - und achja, wenn wir denn je zusammen ziehen wäre die Wohnung sicher bei einem günstigen Mietpreis gut vermietbar. Mein BWL-Studium machte sich bezahlt: Nachfrage vorhanden, kein Angebot = gutes Marktpotential, das zumindest blieb hängen. Kaufen? Kaufen!

"Du mußt finanzieren!" Dieser Satz brachte mich ins Grübeln. Wieso finanzieren? Ein ehemaliger Kollege und Freund brachte meine Idee auf ganz neue Wege. "Finanzieren ganz einfach deshalb, weil Du die Zinsen den Mieteinnahmen gegenrechnen kannst. Sonst mußt Du Steuern zahlen!" Die Sparkasse bestätigte das im großen und ganzen, und bei den niedrigen Finanzierungszinsen im Jahr 2010 war das schnell geklärt. Außerdem begann für mich eine ganz neue Welt: Ich lernte die Immobilienwelt inklusive Finanzierung kennen und mußte mich (quasi gezwungenermaßen) mit Themen beschäftigen, an die ich noch nie gedacht hatte.

Ich könnte bei kleinen Risiko viel lernen. Wenn man das System einmal verstanden hat und mit kleinen Schritten in neue Bereiche getrippelt ist, dann kann man das eventuell später für größere Projekte nutzen. Also finanzieren, und das so, als ob es sich um ein riesiges Großprojekt handeln würde, mit allem drum und dran. Ich wollte alles richtig machen. Und ich war lernbegierig. Auflassungsvormerkung, Grundschuld, Annuitätendarlehen, Zinsbindung, Kaufpreisfälligkeit, Hausgeld, umlegbare Betriebskosten, Zinsbescheinigung fürs Finanzamt - alles völliges Neuland für mich, aber es machte riesigen Spaß dieses Neuland zu betreten.

Die Finanzierung stand, der Notartermin war im Mai erfolgreich, jetzt hieß es nur noch warten bis zur Kaufpreisfälligkeit - und derweil ganz entspannt nach einer schönen Wohnung für Hanne suchen.

Bis wir dann auch hier aufgaben. In Ottendorf-Okrilla gibt es nichts Vernünftiges zu mieten. Aber mal wieder zu kaufen. Zwei bezahlbare Wohnungen im Angebot, die zweite Wohnung wars: Gemütliche Souterrain-Wohnung mit großer Terrasse und Garten, Einbauküche, geräumiges Bad, gepflegtes Haus in gutem Zustand, das ganze absolut bezahlbar. Zwei Zimmer, 60 qm, wenig Renovierungsaufwand, 28.000 Euro. Was einmal gut ging kann ein zweites Mal nicht schief gehen: Kaufen!

Vom Mieter zum Immobilienhai in zwei Akten, Respekt! Binnen Wochen wurde meine heile Mieterwelt gehörig durcheinandergewirbelt, mein Denken in neue Bahnen gelenkt. Wieso Miete zahlen wenn man in die eigene Tasche zahlen kann? Kirstins und Hannes Wohnprobleme waren schneller (und vorallem besser) gelöst als wir dachten, und naja, was zahle ich selbst nochmal Miete jeden Monat? Der Kontoauszug gab erschreckende Antworten: 585 Euro monatlich, im Jahr also etwa 7.000 Euro.

Der Stein war ins Rollen gekommen und rollte unaufhaltsam. Eine Entscheidungsfindung in drei Akten: Erstens die Erkenntnis man zahlt in anderthalb Jahren soviel Miete wie man eine kleine Wohnung kaufen kann. Den zweiten Denkanstoß gab die Sparkasse beim Finanzierungsgespräch für die kleine Wohnung. Meine beiläufige Frage "wie hoch könnte ich denn maximal Finanzieren bei meinem Einkommen?" wurde höher beantwortet als gedacht. Ich bin nicht drauf angewiesen ein billiges kleines Häuschen oder eine kleine Wohnung zu kaufen, nein, theoretisch ergeben sich da ganz andere Möglichkeiten. Die Antwort damals lautete nämlich: "200.000 Euro problemlos, darüber, naja, müssen wir dann mal gucken, aber geht schon. Sagen Sie einfach Bescheid wenn Sie was haben, was Sie finanzieren wollen."

Ein Haus, eine schicke Wohnung für 200.000 Euro? Weisser Hirsch, Bühlau, Radebeul... ich geriet ins Träumen, ja, das könnte was ordentliches geben! Naja, in ein paar Jahren dann mal. Nur nichts überstürzen. Ich kaufe ja gerade zwei Wohnungen und habe genug um die Ohren.

Bei “Drittens” kam dann ein Kollege ins Spiel. Haus gebaut und Stolz wie Oskar. Probleme beim Bau? Fehlanzeige. Zufrieden? Mehr als das! "Ich konnte nachts ruhig schlafen." Ein Satz der sich mir einbrannte. Es gibt also Leute die ein Haus bauen und nachher nicht bei RTL in Peter Zwegats Sendung auftauchen oder über die die Nation lacht wenn auf Kabel 1 wieder die Idioten ihre Bauruinen beweinen. Man kann ein Haus bauen und es klappt einfach. Lustig, daß es so etwas tatsächlich gibt. Wie hieß die Firma nochmal?

Im Internet war schnell recherchiert. Tatsächlich, eine Firma die auf Qualität setzt. Feedbacks im Internet waren schnell eingeholt, und alle (bis auf ganz wenige Aussagen) berichteten das gleiche: die Firma baut gut, sehr gut sogar, Qualität steht ganz oben, der Preis ist es dafür leider auch. Nicht die günstigsten, aber die besten. Ein Gedanke, der mir gefiel. Ich will ja nicht sparen, ich will "was g'scheits"!

Zurück in der Sparkasse. Ein Grundstück in Ottendorf-Okrilla, vernünftige Lage, nicht allzu groß, Preis 15.000 Euro, verhandelbar. Was, wieviel? Was kostet ein Hausbau? Wieder im Internet geguckt, Prospekte studiert, Grundrisse im Kopf gemacht, Preise grob überschlagen. Das Grundstück war Mist, aber Floh der Schnäppchenjäger legte los. “200.000 Euro” sagte damals die Sparkasse. Für ein Kleinprojekt mit Billiggrundstück würde es reichen. Für mein Traumhaus wohl nicht, aber viel drüber würde es nicht liegen. Kirstin und ich, nur zwei Menschen ohne Kinder. Es würde doch völlig genügen, ein kleines freistehendes Einfamilienhaus mit der Möglichkeit sich zu entfalten, ein Schuppen, eine Garage, Kaninchenställe, Holzstapel für den Kaminofen - Erinnerungen an meine früheste Kindheit bei meiner Tante kamen hoch. Wir bräuchten keine 200 qm, keine Kinderzimmer, wir sind nicht angewiesen verkehrsgünstig zu wohnen, im Gegenteil, lieber ausserhalb im Grünen, dafür etwas günstiger. Ist das machbar?

Das Projekt "Wir bauen!" war geboren und die Suche nach einem Grundstück begann.

< weiter lesen im Bautagebuch aus dem Jahr 2010 >