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Geduld lernen
Viele Menschen leiden ja unter einer gewissen Ungeduld. Sie hassen es zu warten. Warten ist nichts anderes als ereignislose Zeit. Da liegt das Problen. Der Deutsche will keinen Augenblick seines großartigen Lebens wegwerfen. Keine Sekunde verschenken, nur weil eine Frau den Gang an der Ampel nicht rechtzeitig einlegt. Keine Minute vergeuden, bloß weil der Kellner unaufmerksam ist. Keine Stunde vertun, weil der Zug Verspätung hat. Das Leben ist so schon fad genug.
Wesentlich lockerer im Umgang mit Warten sind die Afrikaner. Die können sich einfach hinhocken und warten. Wochenlang. Vielleicht mal was trinken. Alle paar Tage mal pinkeln gehen. Der Bus wird schon kommen. Und wenn nicht, macht auch nichts. Jetzt, wo man so gemütlich zusammensitzt.
Als Frau kann man sich die Zeit ja durch Nachdenken und Überlegen und Sich-Gedanken-machen und Grübeln und Reflektieren verbringen. Als Mann gibt es nahezu keine Beschäftigung, wenn man nichts zum Lesen dabeihat. Also, ich kann mir auch mal Gedanken machen. So in der Art: “Was läuft in meiner Beziehung nur falsch?” Oder: “Wann muß der Wagen eigentlich zum TÜV?” Aber ich bin meistens in einer Minute fertig. Leider.
Bei dieser Gelegenheit müssen wir über Deutschlands größten Zeitdieb sprechen: die Bahn. Die Deutsche Bahn AG ist ein sehr großes Unternehmen, das Verspätungen produziert und nebenbei Zugfahrten organisiert. Da bleibt der Zug einfach mal auf halber Strecke stehen. Für drei Stunden. Wegen einer Signalstörung. Der Schaffner weiß von nichts, weil er gerade seinen Schnurrbart kämmen mußte. Der einzige, der nie Verspätung hat, ist dein Anschlußzug.
Wenn man davon ausgeht, daß jeder der zweiundachtzig Millionen Deutschen im Jahr zehn Stunden auf verspätete Züge wartet, kostet die Bahn unser Volk im Jahr achthunderzwanzig Millionen Stunden. Das macht bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von achtzig Jahren jährlich elfhundersiebzig Menschenleben. Nur durch Warten. Damit ist die Bahn nach Herzinfarkt und Krebs die größte deutsche Volksseuche.
Es gibt Forschungsergebnisse, wonach Warten ein relativer Vorgang ist. Die Zeit kommt dir subjektiv umso länger vor, je wichtiger du dich selber nimmst. Du mußt also nur bescheidener werden. Eine schwere Aufgabe, aber nicht unlösbar: Du hast dafür alle Zeit der Welt.
< noch ‘n Gedanke >
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