Kultiviere dein Hypochonderdasein

 

Rote Punkte auf dem Bauch. Ein Ausschlag. Es juckt. Deine Diagnose: ein Ekzem. Nesselsucht. Flechte. Gürtelrose. Neurodermitis. Minimum.

Du durchforstest deine Hausapotheke. Das Cortison ist alle. Es ist Sonntag, spätabends. Zur Apotheke oder lieber gleich in die Klinik? Du fährst zur Notapotheke. Klingelst. Eine alte Frau schlappt heran. “Schweres Exzem. Extremer Juckreiz”, trompetest du durch die kleine Öffnung in der Tür. Und was macht die verhärmte Henne, die ihre Brille an einer Kette um den Hals hängen hat? Sie reicht dir eine hautberuhigende Kräutertinktur. “Ohne Rezept kann ich Ihnen keine Cortisonsalbe geben”, sagt sie. Du wirst deutlich: “Ich sterbe. Sie sind schuld. Ich zeige Sie an. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Mit Ihrer Kräutertinktur können Sie sich die Füße einschmieren.” Du fährst voller Wut nach Hause. Am nächsten Morgen ist der Ausschlag weg.

Deine Frau sagt: “Du bist ein Hypochonder.” Das ist falsch. Du hast eine hohe Schmerzsensitivität. Eine ausgeprägte Leidensbefähigung. Eine genetische Gebrechensaffinität. Ein starkes Krankheitsbewußtsein. Du liebst dein Leben.

Das Leben ist eine unheilbare Krankheit, die mit dem Tod endet. Du hast Senk- und Spreizfüße. Ein befreundeter Orthopäde sprach sogar mal von deformierten Füßen. Du bekommst Herz- und Pulsrasen, wenn du schnell läufst. Außerdem juckt es dich immer zwischen den Schultern. Kurzum: Du bist ein physisches Wrack. Doch keiner will es dir zugestehen. Der Grund: Du mußt jeden Tag arbeiten und Geld verdienen. Keiner will dir eine Pause gönnen. Du wirst vom System geknechtet und ausgebeutet. Du bist eine Maschine, die funktionieren muß. Wehr dich. Wenn es sein muß mit einer Guerillataktik, die dich immer mal wieder zur Notapotheke führt.

< noch ‘n Gedanke >